In diesem Text geht es um Walter Benjamins Begriff der Mode. Im wesentlichen wird dabei auf zwei Werke Benjamins Bezug genommen, auf seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ von 1940, sowie auf sein „Passagen-Werk“ von 1928–1929 und 1934–1940. Es geht um den „Wandel“, um einen Wandel der Ästhetik und eine Ästhetik des Wandels, über den Zusammenhang von Mode und historischem Materialismus, und über die Verwandtschaft von Moderne und Mode.
In „Über den Begriff der Geschichte“ ist die entscheidende die XIV. These: „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet. So war für Robespierre das antike Rom eine mit Jetztzeit geladene Vergangenheit, die er aus dem Kontinuum der Geschichte heraussprengte. Die französische Revolution verstand sich als ein wiedergekehrtes Rom. Sie zitierte das alte Rom genau so wie die Mode eine vergangene Tracht zitiert. Die Mode hat die Witterung für das Aktuelle, wo immer es sich im Dickicht des Einst bewegt. Sie ist der Tigersprung ins Vergangene. Nur findet er in einer Arena statt, in der die herrschende Klasse kommandiert. Derselbe Sprung unter dem freien Himmel der Geschichte ist der dialektische als den Marx die Revolution begriffen hat.“
Benjamins Begriff der Mode wie des historischen Materialismus sind eng miteinander verknüpft. Er widerspricht der historistischen Vorstellung einer linearen Geschichte und der bürgerlichen eines beständigen Fortschritts, in denen historische Ereignisse und Momente isoliert voneinander betrachtet werden. Benjamin spricht also davon, „das Kontinuum der Geschichte aufzusprengen“. Die Geschichte aufzusprengen, sei „den revolutionären Klassen im Augenblick ihrer Aktion eigentümlich.“ Und die Mode ist ihm hierfür dienlich. Denn die Mode ist ein „Anti-Narrativ“. Sie „spürt die Gegenwart in der Vergangenheit auf, sie aktualisiert Ideen, die dann wichtig für das Gegenwärtige werden.“ Sie springt in die Vergangenheit, greift einen scheint‘s willkürlichen Moment heraus, aktualisiert ihn, und eröffnet damit die Zukunft.
Auch in Benjamins Passagen-Werk nimmt die Mode daher eine herausragende Stellung ein. Benjamin sagt: „Wer die Mode zu lesen verstünde, der wüsste im voraus nicht nur um Strömungen in der Kunst Bescheid, sondern auch um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen“, Benjamin geht, mit Blanqui und Nietzsche, davon aus, dass sich Geschichte wiederholt, nicht linear voranschreitet. Benjamin bezieht sich hierzu auch auf die Attraktion des „Loop-the-Loop“, des Loopings in der Achterbahn, der die Parisienne in den Bann zog.
Allemal ist noch interessant, dass dabei jede Mode auftritt, als ob sie ewig leben wollte: „Durch das stilistische Zitat verbindet die Mode die These vom ewigen oder ‚klassischen‘ Ideal mit ihrer Antithese, dem demonstrativ Gegenwärtigen.“ Schon Georg Simmel spricht davon, „dass gerade die Attitüde vom ewigen Leben das paradoxeste Merkmal der Mode selber sei.“
Auch Adorno zeigte sich angetan von allzu modischen Erscheinungen: „Kleider aus Stoffen lediglich mit Nadeln für einen Abend“, schreibt er, sichtlich beeindruckt, in der Ästhetischen Theorie. Eigentlich über die Kunstwerke, aber ebensogut zutreffend auf die Mode, bemerkt er, sie „vergehen offensichtlich um so rascher, je verbissener sie dem sich entgegenstemmen. () Die exponiert sich vorwagenden, dem Anschein nach ihrem Untergang entgegeneilenden Werke pflegen bessere Chancen des Überlebens zu haben als die, welche um des Idols der Sicherheit willen ihren Zeitkern aussparen ().
Mode (la mode) und Moderne (modernité), von lat. modus „Seinsweise“, sind, etymologisch zumal, eng miteinander verwandt. „In einer Gegenwart, die sich als überleitend und vergänglich zeigt, und daher für Baudelaire und Benjamin gleichbedeutend mit der Moderne ist, verkörpert die Mode deren Essenz.“ Die Moderne ist gekennzeichnet durch den dauernden Bruch mit der Vergangenheit; sie ist immer in Bewegung; und die Mode ist hierfür bezeichnend. Es heißt: „Der Bruch mit der Vergangenheit, den zu vollziehen die Kulturmenschheit seit mehr als hundert Jahren sich unablässig bemüht, spitzt das Bewußtsein mehr und mehr auf die Gegenwart zu. Diese Betonung der Gegenwart ist ersichtlich zugleich Betonung des Wechsels ().“ Die Mode wird dabei zur „Funktion der modernen Kultur. Sie erscheint als das dynamische Prinzip einer Moderne, die auf einer ständigen Umwertung der bestehenden Werte basiert. Das Eine wird vom Anderen abgelöst und umgekehrt.“ Die Emphase der Bewegung geht sogar so weit, dass Frauen ihr Haar und ihre Kleidung so trugen, als würden sie im Profil, gerade nur im Vorbeigehen betrachtet! Alles, was die Frauen daran gehindert hätte, mobil zu sein und sich freizügig zu bewegen, war verpönt. Die Moderne ist stets auf der Flucht.
Es lässt sich noch hinzufügen, dass nach Benjamin jedes Kleidungsstück aufgeladen ist mit (vergangenen) Hoffnungen und Ängsten. Er sagt in seinen Thesen: „die Vergangenheit führt einen heimlichen Index mit, durch den sie auf die Erlösung verwiesen wird“, das zeigt sich zumal in der Mode. Dieser Index spendet nicht nur Trost, es ist auch die Vielzahl unerfüllter Wünsche.
Gleichwohl ist fraglich, ob dieser Gedanke heute noch gelten kann. Mit der Postmoderne scheint das Zitat verbraucht. Das Vergangene mag gegenüber der Gegenwart Trost spenden, aber in der Warenästhetik scheint alles Verklärung, die nur mehr zum Kauf anregen soll.
Der Sweater zitiert nicht nur die Vergangenheit, er greift gleich Benjamins (historischen) Text „Über den Begriff der Geschichte“ auf. Aus der Nähe betrachtet ist der Text auf dem Sweater komplett lesbar. Das Rot ist die Farbe des Klassenkampfs. Die langen Ärmel spielen auf zeitgenössische Mode an, auf den „Oversize“-Look, und überspitzen ihn. Den Oversize-Look gibt es seit den 1920er Jahren, in den 1980er- und 1990er-Jahren erlebte er dank der Hip-Hop-Kultur dann sein absolutes Hoch. Der Sweater blickt also doppelt zurück, greift einen vorhandenen Stil auf, und ist gleichzeitig ein zeitgenössisches Stück Mode, das, freilich, im nächsten Moment schon wieder passé sein wird, nur um wieder aufzutauchen.