Simone Weil (1909-43), französisch-jüdische Sozialrevolutionärin, Philosophin und später Mystikerin.
Weil lebte ein bewegtes Leben. Früh ist sie politisiert, engagiert sich in der Arbeiterbewegung und organisiert sich in anarchosyndikalistischen Gewerkschaften. Kurz vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten reist sie nach Deutschland und beschreibt die politische Lage in französischen Zeitungen. Sie arbeitet in Fabriken von Alstom und Renault, hilft auf dem Land bei der Weinernte. Für kurze Zeit nimmt sie am Spanischen Bürgerkrieg teil. Enttäuscht wendet sie sich von der Politik, von der sozialen Revolution ab, und wendet sich christlicher Mystik zu. Früh fällt sie Tuberkulose und Anorexie zum Opfer.
Drei Texte liegen vor. Weils Fabriktagebuch, die Faschismusanalyse, „Schwerkraft und Gnade“. Sie sind gleichzeitig hellsichtige Bestandsaufnahmen wie Zeugnisse ihrer Enttäuschung. Formal wiederholt das Buch diese Verzweiflung und Haltlosigkeit.
Das Fabriktagebuch berichtet von der Unbarmherzigkeit der Maschinerie, der Sinnlosigkeit entfremdeter Arbeit und der Entmenschlichung im Produktionsprozess. Das Fabriktagebuch spricht die Sprache der Arbeit:
Maschinen; Akkord; Arbeiter und Arbeiterinnen; der furchtbare Lärm der Hammerschläge; Hitze und Kälte; Erschöpfung und Angst; den zarten Empfindungen von Solidarität; der Berechnung des Lohns und der Welt.
Weils Faschismusanalyse erahnt die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse und die Unmenschlichkeit der faschistischen Mordbanden:
„Bedingungen einer deutschen Revolution“; Klassenkampf und Kräfteverhältnisse; Proletariat und Bourgeoisie; die Krise des Kapitalismus; militante Kommunisten; der Marxismus und seine Fehler.
„Schwerkraft und Gnade“ — welch ein schöner Titel! — der Versuch, den Glauben ans Bessere im unbedingten Glauben zu retten, spricht dann eine ganz andere Sprache:
Leere und Fülle, Auslöschung und Entschaffung; Notwendigkeit und Gehorsam; Liebe; Gewalt; vom Kreuz; vom Universum, Waage und Hebel; Schönheit.
Weils Texte lösen sich auf, zerreißen, zerbrechen, zerfallen. Abbild eines Kampfes, der, durch die wirkliche Entwicklung, durch die Niederlage, der Vermessenheit und Sinnlosigkeit überführt wird. Und Abbild der Haltlosigkeit, so sehr sich Weil bemüht.
Die Linke steht auf verlorenem Posten, nach hundert Jahren des vielfachen Scheiterns und der zahlreichen Niederlagen. So fühle ich mich Weils Hoffnungslosigkeit und Haltlosigkeit nahe. Zu ihren Zeilen habe ich eigene aufgeschrieben. Im Lauf der Dinge finde meine zu ihren Texten; werden zuletzt zu einer Stimme; eine gemeinsame Stimme als Ausdruck der Verbundenheit.